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Entwicklung des Aikido

Dieser Text wurde von Markus Hansen erstellt. Er wird unter anderem für die Trainerlizenz-Ausbildung im DAB genutzt.

Historische Situation

Ab der Meiji-Restauration ist die Geschichte Japans geprägt vom Bestreben, insbesondere militärisch-industriell sowie akademisch mit dem Westen auf Augenhöhe zu kommen, um bei Verhandlungen als gleichwertiger Partner zu gelten (→ siehe Budo-Historie). Während alles Westliche als modern galt (der letzte Shogun ließ sich auf offiziellen Portraits in französischen Uniformen ablichten), wuchs zugleich ein starker Nationalismus heran, der schließlich in diverse Kriegshandlungen Japans mündete.

In genau diese Zeit der Reformen und der Gegenbewegungen, die sie ebenfalls hervorriefen, wurde Morihei Ueshiba (in alten Transliterationen auch Uyeshiba) hineingeboren. Er wuchs auf in einer Zeit des Umbruchs, war in seinem alles andere als langweiligen Leben immer neuen Einflüssen unterworfen und hat diese wieder und wieder aufgenommen und daraus seinen eigenen Weg kreiert. Aus der letalen Kampfkunst seiner frühen Jahre wurde der friedliche Weg, den wir heute kennen.

Technischer Haupteinfluß:
Sokaku Takeda und Daito-ryu Aikijujutsu

Auch wenn Morihei Ueshiba sich auch mit anderen Kampfkunstschulen auseinandergesetzt und dort Unterricht genommen hatte, ist das von Sokaku Takeda (1859 - 1943) unterrichtete Daito-ryu Aikijujutsu 大東流合気柔術 der hauptsächliche Einfluss, der sich im Aikido niedergeschlagen hat. Viele der heutigen Aikido-Techniken finden sich, wenn auch zum Teil unter anderen Namen, im Curriculum der Daito-ryu, jedoch wurden sie größtenteils entschärft. Morihei hat von Sokaku die Lizenz Kyoju Dairi 教授代理 (Lehrrepräsentant) ausgestellt bekommen, was zum damaligen Zeitpunkt die höchste Formalqualifikation war, die man innerhalb der Ryu erlangen konnte (Menkyo Kaiden 免許皆伝 als "Lizenz der vollen Übertragung" wurde erst später eingeführt). Morihei hat seinen eigenen Schülern Lizenzen der Daito-ryu ausgestellt, darunter Kenji Tomiki, Minoru Mochizuki, Rinjiro Shirata und Gozo Shioda.

Morihei begegnete dem 54-jährigen Sokaku auf der nördlichen japanischen Insel Hokkaido und wurde zusammen mit seinem Neffen Noriaki Inoue Schüler von Sokaku. Noriaki und Morihei lernten und unterrichteten später lange Zeit gemeinsam, bis es nach dem zweiten Omoto-Vorfall zum Zerwürfnis zwischen den beiden kam. Es wird angenommen, dass Noriakis wohlhabender Vater Zenzo Inoue die Kampfkunst-Interessen der beiden, insbesondere die Ausbildung bei Sokaku, lange finanzierte.

Sokaku gilt als Gründer der Daito-ryu ("große östliche Schule"), allerdings wird die Linie der Schule zurückgeführt bis zu Shinra Saburo Minamoto no Yoshimitsu (1045–1127), einem Angehörigen des Seiwa-Kaiserhauses. Yoshimitsu soll die Anatomie von Leichen von Schlachtfeldern und Hinrichtungen analysiert und diese seziert haben, um möglichst effektive Gelenkhebel und empfindliche Körperstellen herauszufinden. Yoshimitsu hatte bereits Erfahrungen im Tegoi, einem Vorläufer des Sumo. Er führte seine Erfahrungen in einer Kampfkunst zusammen, die zunächst nur innerhalb der Familie weitergegeben wurde. Sein Urenkel nahm den Familiennamen Takeda an. Daito ist der Überlieferung nach der Name eines Gebäudes, in dem Yoshimitsu als Kind gelebt hat. Allerdings gibt es vor Sokaku keine historischen Belege für diese Historie.

Sokaku trainierte schon in früher Jugend Hozoin-ryu Takada-ha Sojutsu 宝蔵院流高田派槍術 (Speer) sowie Ono-ha Itto-ryu Kenjutsu 小野派一刀流剣術 (Schwert) und war später angeblich Uchi-deshi bei Kenkichi Sakakibara, dem Hauptlehrer der Jikishinkage-ryu 傳直心影流. Sokaku galt als Zweikämpfen mit dem Schwert nicht abgeneigt. Als die Meiji-Regierung im Zuge der Reformbemühungen den Haitorei-Erlass 廃刀令 verabschiedete, der in Japan das Tragen von Schwerten nur noch wenigen Personen gestattete, verlegte er sich mehr auf waffenlose Techniken (und waffenlose Zweikämpfe) aus der Kampfkunst seiner Familie, der er dann zunächst den Namen Daito-ryu Jujutsu und später Daito-ryu Aikijujutsu gab.

Sokakau reiste viel durch Japan, um insbesondere Angehörige von Militär und Polizei (gern aus der Oberschicht) zu unterrichten. Es existieren umfangreiche Aufzeichnungen, wer wann bei ihm Unterricht oder Lizenzen bekam. Nach Sokakus Tod übernahm sein Sohn Tokimune Takeda die Leitung der Ryu. Andere Schüler von Sokaku gründen eigene Schulen, insbesondere Kodo Horikawa (Kodokai), Takuma Hisa (Takumakai) und Yukiyoshi Sagawa (Sagawa-ha). Nach Tokimune ist die Tradition nicht eindeutig übertragen worden, so dass es verschiedene Linien des Daito-ryu gibt, die für sich in Anspruch nehmen, das "echte" Daito-ryu zu sein: Katsuyuki Kondo, ein Schüler von Tokimune, lehrt in in der Hauptlinie als dessen technischer Nachfolger, jedoch gibt es Personen in der Familie Takeda, die (ohne großen technischen Hintergrund zu haben) die Führung der Hauptlinie für sich beanspruchen.

Neben dem Aikido sind noch andere Schulen aus dem Daito-ryu hervorgegangen oder haben Einflüsse daraus übernommen, nicht nur im Yoshinkan von Gozo Shioda und im Shodokan von Kenji Tomiki (über den diese Einflüsse auch in die Goshin-jutsu-no-kata des Kodokan Judo gelangten), sondern auch in der Hakko-ryu von Ryuho Okuyama, Hapkido von Choi Yong-Sool, Shorinji Kempo von Doshin So oder Shinei Taido von Noriaki Inoue.

Spiritueller Haupteinfluß:
Onisaburo Deguchi und die Lehren der Omoto-kyo

Morihei Ueshibas Weltbild war stark geprägt durch die Begegnung mit Onisaburo Deguchi (in machen Quellen Wanisaburo, was eine andere Transliteration desselben Namens ist), der zusammen mit der Gründerin Nao Deguchi, dessen Tochter er heiratete und so den Namen annahm, die neo-shintoistische religiöse Bewegung Omoto-Kyo 大本教 (manchmal auch Oomoto-kyo geschrieben, heute Aizenkai 愛全会) aufgebaut und in Japan stark verbreitet hatte. Onisaburo galt als Exzentriker, der sich als Gottheiten verkleidete, Bücher schrieb (u.a. ein 81-bändiges Werk mit Hinweisen zur Lebensführung), keramische Arbeiten und Kalligraphien erstellte.

Omoto-Anhänger glauben an diverse Kami (Shinto-Gottheiten), zu denen interessanterweise auch Ludwig Zamenhof, der Erfinder der Kunstsprache Esperanto, gezählt wird. Onisaburo Deguchi hatte Esperanto als Weltsprache für eine neue auf Frieden basierende Weltordnung vorgesehen. Unter Onisaburo Deguchis Führung wurden auch internationale Kontakte geknüpft. So unterhielt die Gruppe von 1925 bis 1933 eine Mission in Paris. Der spätere innere Umbruch in Morihei, der seine Kampfkunst dann von einer tödlichen zu einer friedlicheren umdeutete, wird maßgeblich dem Einfluss Onisaburos zugeschrieben. Dieser war es auch, der Morihei ermutigte, seine eigene Kampfkunstlinie unabhängig von Sokaku Takeda aufzubauen und sich von diesem zu lösen.

Das Vorgehen der Regierung des Japanischen Kaiserreichs, die beiden Omoto-Vorfälle (Omoto Jiken) 1921 und 1935, gingen darauf zurück, dass die Gruppe viele einflußreiche Persönlichkeiten, insbesondere hochrangige Militärs, aus dem ultrarechten Lager an sich zog, wodurch sie zunehmend politischen Einfluss gewann, was der Regierung in der Zeit der Vorbereitung auf den späteren Zweiten Weltkrieg zunehmend als Bedrohung erschien - man benötigte ausnahmslose Loyalität durch die gesamte militärische Hierarchie. Deguchi unterhielt beispielsweise Kontakte zu den Anführern des Kokuryukai („Schwarzer-Drachen-Bund“ oder Amur-Bund) sowie der Genyosha („Schwarzer-Ozean-Gesellschaft“), beides ultrarechte Geheimgesellschaften, die teils auch terroristische Anschläge planten und ausführten.

Offiziell wurde die Omoto-Gruppe dann 1935 verboten (und das Hauptquartier zerstört und die Führungspersonen inhaftiert). Es hieß, Omoto verehre zwei Kami (Kunitokodachi no Mikoto und Susano-o no Mikoto) als die wahren Gründer und Herrscher Japans, die von Amaterasu, der göttlichen Ahnin der kaiserlichen Linie, vertrieben wurden, was als Verrat am Kaiser gesehen wurde.

Morihei Ueshiba, der zeitweise als Leibwächter für Onisaburo Deguchi agierte und weitere Leibwächter ausbildete, knüpfte durch die Omoto-kyo viele Kontakte insbesondere zum Militär, was ihm einige Lehraufträge ermöglichte und so zur Verbreitung seiner Kampfkunst beitrug. Dies erklärt die vielen hochgestellten Persönlichkeiten, die bei ihm Unterricht nahmen. Nicht wenige von ihnen gehörten dem auch für die damaligen Verhältnisse rechtsextremistischen Spektrum an. Einige wurden später in den japanischen Entsprechungen der Nürnberger Prozesse als Kriegsverbrecher verurteilt.

Morihei gab diesen Personen nicht nur Unterricht, er stellte auch sein Dojo als Raum für konspirative Beratungen zur Verfügung. Insbesondere Treffen von Personen im Umfeld des ultranationalistischen Sakurakai (Kirschblütengesellschaft) sind belegt. Vom Sakurakai gingen mehrere Versuche aus, mittels eines Putsches die Macht zugunsten einer neuen Militärregierung zu übernehmen. Nicht zuletzt wollte auch Deguchi den Frieden in der Welt dadurch herstellen, dass es eine zentrale Weltregierung unter seiner Leitung gäbe.

Aufgrund dieser ganzen Kontakte und Verbindungen sowie als hochrangiger Budo-Lehrer (spätestens nach der „Gleichschaltung“ des Dai Nippon Butokukai) konnte Morihei auch leicht in den Verdacht geraten, Kriegsverbrecher zu sein. In seinem 1935 publizierten Buch "Budo" wird von ihm der Begriff des Yamato-damashii 大和魂 (Geist der Yamato, japanischer Volksgeist) intensiv verwendet. Dieser ursprünglich aus dem konservativen Shinto stammende Begriff wurde zur Zeit der Publikation zunehmend in ultranationalistischen Kontexten verwendet und mit einer Bedeutung in Analogie zum Ariertum in Deutschland versehen. Zudem hatte Morihei nach seiner Zeit mit Deguchi unter anderem auch an der Akademie des militärischen Geheimdienstes in Nakano unterrichtet. 1941 soll Morihei an einer von Premierminister Fumimaro Konoe initiierten geheimen Mission nach China beteiligt gewesen sein. Eventuell hatte auch sein Besuch in Manchukuo im April 1942 einen geheimdienstlichen Aspekt (oder war sogar die gleiche Reise, die Quellenlage ist hier leider nicht sehr substanziiert).

Insofern erwies es sich als günstig für die spätere Verbreitung des Aikido, dass er sich nach dem Rücktritt von Premierminister Konoe und dem Angriff auf Pearl Harbor (bzw. nach seinen Reisen nach Manchukuo) aus seinen militärischen und politischen Verflechtungen (und dem Dai Nippon Butokukai) im Dezember 1942 aufs Land nach Iwama zurückgezogen hatte, wo er zunächst für japanische und dann später für US-Kräfte nur schwer greifbar war. Im Jahr 1948 stellten die USA die Verfolgung von Kriegsverbrechern in Japan ein und wandten sich dem kalten Krieg zu.

Morihei Ueshiba blieb der Lehre der Omoto-kyu auch nach Ende seiner intensiven Beziehung mit Deguchi weiter verbunden. Auf einer Visitenkarte Moriheis aus der Nachkriegszeit ist er als Präsident einer Unterorganisation des Aizenkai benannt. Auch hat er Deguchi zuletzt kurz vor dessen Tod 1948 noch besucht.

Als Überbleibsel der spirituellen Praktiken der Omoto-kyo findet sich Chinkon-kishin 鎮魂帰神 teilweise noch im Aikido. Chinkon bedeutet "den Geist zur Ruhe kommen lassen"; kishin bedeutet "Rückkehr zum Göttlichen" (zu den Kami). Es handelt sich in erster Linie um Bewegungsformen. Zu diesen Bewegungen gehören unter anderem die "Ruderübung" (Torifune) oder das "Schütteln des Kis" (Furitama), die man bei einigen Aikido-Lehrern im Aufwärmprogramm oder der Abklingphase des Trainings als "Zentrumsübung" vorfindet. Ähnlich verhält es sich mit den Atemübungen Ibuki-kokyu, bei denen die Arme im Atemrhythmus nach oben und unten zusammengeführt werden. Oft sind sich die Aikido-Lehrer der religiösen Geschichte dieser Bewegungen nicht bewusst. Onisaburo nahm die Chinkon-kishin-Übungen (die sehr zum Erfolg der Gruppe beigetragen hatten) nach dem ersten Omoto-Vorfall aus der Praxis der Omoto-kyo heraus. Morihei praktizierte sie aber weiterhin und auch im Aikido.

Biographie von Morihei Ueshiba

Kindheit, Jugend, frühe Jahre

  • 1883 - 0 Jahre
    Geburt von Morihei Ueshiba, am 14. Dezember in Tanabe, Provinz Kii, heute Präfektur Wakayama.
    Vater: Yoroku Ueshiba, wohlhabender Samurai-Erbe, tätig im Fisch- und Holzhandel. Mutter: Yuki Itokawa, ebenfalls aus Samurai-Familie (Landbesitz).

  • 1890 - 7 Jahre
    Unterricht und religiöse Unterweisung im Tempel von Jizodeira durch Mitsuju Fujimoto (esoterischer Shingon-Buddhismus); Vater verfügt zum Ausgleich Sumo- und Schwimm-Unterricht.

  • 1893 - 10 Jahre
    Vater Yoroku wird von einer Gruppe von Tagedieben im Auftrag eines politischen Gegners verprügelt, was in Morihei den Wunsch verstärkt, Kampfkünste zu erlernen.

  • 1901 - 18 Jahre
    Kaufmannslehre in Tokyo, Nebenjob bei der Steuerbehörde von Tanabe, später in Tokyo selbständig (Schreibwaren). Unterricht in Tenjin-Shinyo-ryu (Schwert und Speer) sowie Kito-ryu Jujutsu unter Tokusaburo Tozawa.

  • 1902 - 19 Jahre
    Erkrankung an Beriberi (Vitamin-B-Mangel), dadurch Rückkehr nach Tanabe, dort nach Genesung Sieger eines Wettkampfes im Reisstampfen der Dorfjugend.

  • 1903 - 20 Jahre
    Unterricht im Schwertkampf bei Masakatsu Nakai (Yagyu-ryu Goto-ha) in Sendai. Hochzeit mit Hatsu Itokawa. Eintritt in das 61. Infanterie-Regiment der Kaiserlichen Armee in Wakayama (Dezember).

  • 1905 - 22 Jahre
    Teilnahme am Russisch-Japanischen Krieg (Fronteinsatz in der Mandschurei).

  • 1906 - 23 Jahre
    Nach der Rückkehr aus dem Krieg weitere Ausbildung bei Masakatsu Nakai. Erkrankung an Enzephalitis. Unterricht in Kodokan Judo durch Kiyoichi Takagi in Scheune des Vaters.

  • 1908 - 25 Jahre
    Zertifikat im Yagyu-ryu Jujutsu (Goto-ha Yagyu Shingan Ryu), Menkyo Shoden, durch Masanosuke Tsuboi.

Hokkaido, Takeda, Daito-ryu

  • 1910 - 27 Jahre
    Aufbruch nach Shirataki (heute Engaru-cho) auf Hokkaido zur Landerschließung.

  • 1911 - 28 Jahre
    Geburt der ersten Tochter Matsuko.

  • 1912 - 29 Jahre
    Morihei führt 54 Familien (>80 Personen) aus Tanabe nach Shirataki, wird dort Mitglied im Gemeinderat. Begleitet wird er unter anderem von seinem Neffen Noriaki Inoue, dessen Vater Zenzo Inoue die Unternehmungen der beiden maßgeblich finanziert.

  • 1915 - 32 Jahre
    Begegnung mit Sokaku Takeda, Lehrer der Daito-ryu, im Hisada Ryokan (Gasthaus) in Engaru. Schüler Takedas bis 1919, Vermittlung neuer Techniken nur gegen Bezahlung. Erste Lizenz (Hiden Mokuroku) nach zwei Jahren. In fünf Jahren widmete sich Takeda ihm ca. 100 Tage.

  • 1917 - 34 Jahre
    Ein Feuer zerstört Shirataki fast komplett, Morihei leitet den Wiederaufbau. Geburt seines ersten Sohnes Takemori.

Ayabe, Deguchi, Omoto-kyo

  • 1919 - 36 Jahre
    Morihei erhält die Nachricht, sein Vater liege im Sterben, woraufhin er nach Tanabe aufbricht. Seinen Besitz auf Hokkaido überschreibt er Sokaku.
    Er trifft auf dem Rückweg auf Onisaburo Deguchi, den Führer der Omoto-kyo-Bewegung (heute: Aizenkai), und entschließt sich, zunächst bei ihm zu bleiben. Er bittet Onisaburo, für seinen Vater zu beten. Onisaburo entgegnet: "So, wie es Deinem Vater geht, geht es ihm gut."

  • 1920 - 37 Jahre
    Als Morihei im Januar in Tanabe eintrifft, ist sein Vater Yoroku bereits tot. Tief getroffen vom Tode des Vaters verlegt Morihei seinen Wohnsitz nach Ayabe, dem Zentrum der Omoto-kyo, um ein spirituelles Leben zu führen.
    Enge Beziehung zu Onisaburo Deguchi (Botschaft: Frieden und Harmonie auf Erden können nur über die Liebe, Toleranz und Güte der Menschen verwirklicht werden.)
    Im gleichen Jahr wird sein zweiter Sohn Kunihari geboren, der ebenso wie Takemori noch im gleichen Jahr wieder stirbt.
    Morihei baut in Ayabe auf Anregung von Onisaburo ein Dojo, die "Akademie Ueshiba" (Ueshiba Juku).

  • 1921 - 38 Jahre
    Geburt des 3. Sohnes Koetsu, der später den Namen Kisshomaru annimmt. Morihei ändert den Namen seiner Kunst in Aiki-Bujutsu. Immer mehr Schüler von außerhalb der Omoto-kyo kommen zu ihm, insbesondere vom nahegelegenen Marine-Stützpunkt Maizuru.
    Erster Omoto-Vorfall:
    Onisaburo und viele seiner Anhänger werden verhaftet, was jedoch keine Auswirkungen auf die Ueshiba Juku hat. Mit dem auf Kaution wieder freigelassenen Onisaburo versucht Morihei, die Omoto-kyo wieder aufzubauen.

  • 1922 - 39 Jahre
    Morihei nimmt Unterricht im Yagyu-Shinkage-ryu (Tai- und Kenjutsu). Moriheis Mutter Yuki stirbt. Sokaku Takeda kommt mit seiner kompletten Familie nach Ayabe, lebt dort von April bis September auf Moriheis Kosten. Morihei bekommt von Sokaku eine Kyoju Dairi-Lizenz 教授代理 (Assistenzlehrer/Lehrrepräsentant, damals höchste Stufe im Daito-ryu).

  • 1924 - 41 Jahre
    Morihei begleitet Onisaburo auf eine Missionsreise in die Mongolei. Dort soll eine neue Weltregierung entstehen, die auf religiösen Geboten aufbaut. Sie geraten zwischen die Fronten unterschiedlicher mongolischer Unabhängigkeitsarmeen, werden schließlich von chinesischen Truppen verhaftet und zum Tode verurteilt.
    Kurz vor der Hinrichtung Intervention des japanischen Konsulats. Rückkehr nach Japan.

Goldene Jahre des Aiki-Budo

  • 1925 - 42 Jahre
    Geistiger Aufbruch (Satori) nach einem weiteren Schlüsselerlebnis im Duell mit einem Marine-Offizier (Meister im Schwertkampf): "Die Quelle des Budo ist die göttliche Liebe - der Geist des liebevollen Schutzes!"
    Umbenennung seiner Kunst in Aiki-Budo. Der Wegfall der Bezeichnung „Daito-ryu Aikijujutsu“ dürfte auch Lizenzzahlungen an Sokaku eingespart haben.

  • 1926 - 43 Jahre
    Ueshiba unterrichtet in ganz Japan, Einladungen aus Kyoto, Osaka, Kyushu.

  • 1927 - 44 Jahre
    Umzug nach Tokyo, erstes Dojo im Billard-Salon des Prinzen Shimazu in Shiba (Tokyo).

  • 1928 - 45 Jahre
    Umzug innerhalb Tokyos, Dozent für Kampfkünste an der Marine-Akademie.

  • 1929 - 46 Jahre
    Umzug nach Shiba (Tokyo), dort Bau eines eigenen Dojos.

  • 1930 - 47 Jahre
    Jigoro Kano (Begründer des Judo) bei einem Besuch: "Dies ist meine Idealvorstellung von Budo." Kano schickt seine Schüler Jiro Takeda und Minoru Mochizuki.

  • 1931 - 48 Jahre
    Einweihung des neuen Kobukan-Dojo ("die Hölle am Wakamatsu-Cho"). Schüler werden nur unter strengen Maßstäben nach Empfehlung aufgenommen.

  • 1932 - 49 Jahre
    Gründung des Budo Senyokai 大日本武道宣揚会 (Verband zur Förderung des Budo). Morihei wird Vorsitzender.

  • 1933 - 50 Jahre
    Moriheis erstes Buch "Budo Renshu" erscheint. Die Zeichnungen der ca. 211 dargestellten Techniken, für die diverse Schüler posierten, stammen von seiner Schülerin Takako Kunigoshi. Als "Aikijujutsu Densho" wird das Buch als Lizenz an ausgewählte Schüler ausgegeben.

  • 1936 - 53 Jahre
    Zweiter Omoto-Vorfall: Verbot der Omoto-kyo. Morihei wird aufgrund des Einflusses seines Schülers Kenji Tomita von der Verhaftungswelle verschont.
    Tomita war zunächst Polizeichef in Osaka, später unter anderem Chefkabinettssekretär (eine Art Pressesprecher, aber Minister) in der Regierung von Ministerpräsident Fumimaro Konoe und nach dem Krieg Vorsitzender der Aikikai-Stiftung.
    Die kommenden Jahre sind ein goldenes Zeitalter für Moriheis Kunst. Er selbst ist aufgrund seiner Lehrgänge nur noch selten in Tokyo. In Iwama, Präfektur Ibaraki, wird auf seinen Wunsch hin der Aiki-Schrein (Aiki-Jinja) mit daran angeschlossenem Dojo samt Wohnung errichtet.

  • 1937 - 54 Jahre
    Wahrscheinlich Unterricht in der Kashima-Shinto-ryu: Moriheis Name erscheint zusammen mit dem von Zenzaburo Akazawa in den Aufzeichnungen der Ryu. Die meisten Schwerttechniken des Aikido stammen wohl aus dieser Schule, zumindest die von Morihiro Saito zusammengestellten Sequenzen zeigen große Ähnlichkeiten.
    Japan startet eine Invasion in China.

  • 1938 - 55 Jahre
    Moriheis zweites Buch "Budo", das mit Photos illustriert ist, erscheint.

Der zweite Weltkrieg (zunächst die kriegerische japanische Expansion in Asien) leert schließlich die Dojos, viele Schüler kehren nicht zurück.

  • 1939 - 56 Jahre
    Einladung zum Unterrichten in die Mandschurei (japanischer Marionetten-Staat Manchukuo).

  • 1940 - 57 Jahre
    Teilnahme an einer großen Budo-Vorführung zum 2600-jährigen Bestehen Japans in der Mandschurei.

  • 1941 - 59 Jahre
    Admiral Isamu Takeshita organisiert eine Vorführung vor Angehörigen der kaiserlichen Familie im Sainenkan Dojo (Palastgelände). Morihei unterrichtet an der Akademie des Militärgeheimdienstes in Nakano und wird Berater für Kampfkünste an den Universitäten Shimbuden und Kenkoku.
    Morihei ist an einer von Premierminister Fumimaro Konoe initiierten geheimen Mission nach China beteiligt: Ein Ende des Krieges mit China soll Ressourcen für die Konflikte mit den USA und Großbritannien kanalisieren. Konoe versucht zudem, den Krieg mit den USA zu vermeiden. Er tritt am 17. Oktober zurück.
    Mit dem Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 verschmelzen die japanischen Kriegshandlungen im Pazifik mit dem Krieg in Europa.

  • 1942 - 60 Jahre
    Der Dai Nippon Butokukai wird als zentrale Dachorganisation für die Budo unter staatliche Kontrolle gestellt. Die Kampfkunstschulen sollen so als Kriegsressource erschlossen werden. Die Organisation übernimmt damit die Kontrolle über Graduierungen und Ausbildung. Die Kampfkünste werden so quasi „gleichgeschaltet“.
    Der Name "Aikido" wird durch Minoru Hirai als Name für die Aiki-Schulen beim Ministerium für Bildung/Erziehung sowie beim Butokukai registriert und auch von Morihei übernommen.
    Morihei zieht mit seiner Familie nach Iwama. Kisshomaru bleibt in Tokyo und führt das Dojo weiter, bis dort ausgebombte Familien einquartiert werden.

  • 1945 - 62 Jahre
    Die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki beenden für Japan den Krieg. Es folgt ein Verbot der Kampfkünste an Schulen und Hochschulen, für Studierende auch in der Freizeit, sowie des Dai Nippon Butokukai durch den Supreme Commander Allied Powers (SCAP), Directive 550, Directive 548.
    Aikido wird nach Reorganisation wieder zugelassen – Gründung des Aikikai.

Nachkriegszeit

  • 1948 - 65 Jahre
    Offizielle Anerkennung des Aikido durch die Regierung.
    Das Honbu-Dojo wird nach Iwama verlegt, da die Räumlichkeiten in Tokyo nicht nutzbar sind.

  • 1949 - 66 Jahre
    Neues Dojo in Tokyo wird eröffnet, Moriheis Sohn Kisshomaru übernimmt die Leitung des Dojos und der Aikikai-Organisation.
    Morihei bleibt in Iwama, wo er seit dem Zweiten Weltkrieg lebt.

  • 1951 - 68 Jahre
    Minoru Mochizuki bringt Aikido nach Frankreich. Einer seiner ersten Schüler dort ist André Daniel Brun, Bordeaux.

  • 1952 - 69 Jahre
    Tadashi Abe reist nach Frankreich, unterrichtet im Dojo von Mikinosuke Kawaishi, der Judo in Europa verbreitete. Von ihm werden einige für europäische Schüler etablierte Unterrichtsprinzipien übernommen (z.B. Kata wie im Kodokan Judo und in den Koryu oder farbige Gurte für die Kyu-Grade).
    Koichi Tohei verbreitet Aikido auf Hawai und in den USA.

  • 1955 - 72 Jahre
    André Nocquet reist am 11. Juli nach Japan zu Morihei Ueshiba, wird Uchi-deshi. Er verläßt Japan im Dezember 1957 als 4. Dan, wird später vom Begründer auf den 5. Dan graduiert. Der Aikikai erkennt die vom Begründer handgeschriebene Graduierungsurkunde erst nach einem verlorenen Rechtsstreit an. Auch weitere von Morihei ausgegebene Graduierungen werden bis heute vom Aikikai nicht anerkannt.

  • 1956 - 73 Jahre
    Das Honbu-Dojo wird wieder nach Tokyo verlegt. Morihei zieht sich vom Honbu-Dojo und der Aikikai-Organisation zunehmend zurück.

  • 1960 - 77 Jahre
    Morihei erhält eine Ehrung des Kaisers, die vor ihm nur drei anderen Budoka zukam. Nippon TV bringt eine Sendung über Morihei und seine Kunst, das Aikido.

  • 1961 - 78 Jahre
    Morihei reist nach Hawai: "Von nun an möchte ich eine Brücke bauen, die die verschiedenen Länder der Welt durch die im Aikido enthaltene Harmonie und Liebe zusammenbringt."

  • 1963 - 80 Jahre
    Auf Anregung Moriheis wird eine jährliche Aikido-Demonstration aller japanischen Aikido-Lehrer eingeführt.
    Gerd Wischnewski reist nach Japan, trainiert dort vornehmlich im Aikido (Morihei Ueshiba) und Kendo (Kawaguchi, 7. Dan), aber auch Karate (Nakayama, 9. Dan) und Judo (Kodokan), bis 1965.

  • 1964 - 81 Jahre
    Morihei wird als Gründer des Aikido mit dem Orden der Aufgehenden Sonne 4. Klasse ausgezeichnet.

  • 1967 - 84 Jahre
    Das heutige Honbu-Dojo der Aikikai-Organisation wird eingeweiht.

  • 1969 - 86 Jahre
    Morihei gibt am 15. Januar anlässlich des Kagami-biraki seine letzte öffentliche Vorführung im Honbu-Dojo. Er stirbt am 26. April im Alter von 86 Jahren an Leberkrebs, zwei Monate später stirbt auch seine Frau Hatsu.

Das Aikido wurde schließlich von Moriheis Schülern zum Teil sehr persönlich geprägt, was zu einer Differenzierung verschieder Linien und in der Folge auch verschiedener Organisationen führte.

Begriff des klassischen Aikido

In der Satzung des DAB findet sich der Begriff „klassisches Aikido“. Das Wort „klassisch“ leitet sich von lateinisch classicus „zum ersten Rang gehörig, mustergültig“ ab. Da Morihei Ueshiba sich Zeit seines Lebens (mindestens) technisch weiterentwickelte und seine Kunst veränderte, kann damit keine festgelegte technische Ausführungsform aller Techniken gemeint sein. Das prägende Merkmal von Moriheis Aikido ist die stetige Veränderung und Weiterentwicklung von Technik und Persönlichkeit statt der Konservierung eines Zustandes, allerdings ohne das zugrunde liegende Aiki-Prinzip zu verlieren, sowie die persönliche Weitergabe von Lehrern an Schüler.

Die Bezeichnung Aikido wird aus drei Silben gebildet:

  • Aibedeutet Harmonie im Sinne von „ideal passend“, „verschmelzend“

  • Ki /Ki bedeutet „Lebensenergie“, „universelle Energie“,

  • Do bedeutet „Weg“, „Methode“, „Prinzip“, „Lebensweg“

Aikido bedeutet also in der Übersetzung so etwas wie „Methode ideal koordinierten Energieeinsatzes“. Allerdings lässt sich eine eindeutige Übersetzung nicht festlegen, so dass sehr viele Übersetzungen und Interpretationen zu finden sind.

Als Schriftzeichen für Ki kann man sowohl als auch finden, wobei die vereinfachte und aktuell verwendete japanische Form des ursprünglichen chinesischen Zeichens ist, das Morihei Ueshiba verwendete.

Gemein ist den verschiedenen Richtungen des Aikido, die sich unter „klassisch“ subsumieren lassen, dass ihre Ausrichtung nicht auf das Töten abzielt, sondern Kampfkunst als Instrument betrachtet, Konflikte in der Welt aufzulösen. Neben dem ideal koordinierten Energieeinsatz in einer Technik, die auch tödlich enden kann (dies war bei den Formen des Daito-ryu Aikijujutsu durchaus noch gegeben), kommt also eine weitere Ebene von Harmonie zum Einsatz. Oft ist zu finden, dass Ai mit Liebe zu übersetzen sei, was nicht korrekt ist. Das Missverständnis geht auf ein Zitat Moriheis zurück, dass er sich unter anderem deshalb entschlossen habe, seine Kampfkunst Aikido zu nennen, weil genauso ausgesprochen wird wie , was eben „Liebe“ bedeutet.

Die vielen Schüler, die Morihei durch den Zweiten Weltkrieg verlor, und insbesondere die Massentötungen durch die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki sowie das ihnen folgende Leid durch die anhaltende Strahlungswirkung ließen in Morihei die Erkenntnis reifen, dass das Vernichten eben nicht das Ziel eines Konfliktes sein darf, nachdem er schon in seinem sogenannten „Satori“ für sich entdeckt hatte, dass der „Geist des liebevollen Schutzes“, das Nicht-vernichten-wollen, ein Schlüssel für sein Budo ist.

Seine Schüler geben übereinstimmend zu Protokoll, dass Morihei Ueshiba umfangreich über spirituelle Hintergründe des Aikido doziert habe und sie davon in der Regel nicht viel bis gar nichts verstanden haben. Takako Kunigoshi berichtete, dass es niemanden gab, der Morihei verstand. Rinjiro Shirata erinnerte sich, als Erklärung für Techniken die Namen von Kami (Shinto-Gottheiten) genannt bekommen zu haben. Nobuyoshi Tamura erwähnte, dass insbesondere die jungen Schüler kein Wort von solchen Ausführungen verstanden.

Dennoch sind ihren Aikido-Interpretationen das technische Grundprinzip des Aiki ebenso gemein wie der Aspekt des Nicht-Vernichtens. Insbesondere diejenigen Schüler Moriheis (und inzwischen auch späterer Aikidoka), die dahingehend erfolgreich wurden, dass sie größere Mengen an Aikido-Betreibenden für ihre Linie begeistern konnten, zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht einfach nur Bewegungsmuster kopierten, sondern danach – ab einem gewissen Reifegrad – ihre eigene Persönlichkeit darin zum Ausdruck brachten.

So wie Morihei Ueshiba verschiedene technische wie spirituelle Einflüsse in sich vereint und daraus sein Aikido geschaffen hat, so hat er auch unterschiedlichste Schülerinnen und Schüler hervorgebracht. Da diese zu verschiedenen Zeiten und damit zu verschiedenen Stadien seiner persönlichen Entwicklung bei ihm lernten, haben sie unterschiedliche Bewegungsvorbilder mit auf den Weg bekommen.

Im Resultat stellt sich die heutige Aikido-Landschaft wie ein Baum dar, mit Morihei Ueshiba als Keim, der ein weitverzweigtes Wurzelsystem in seinen Stamm zusammenführte, und der sich in unterschiedlichen Verästelungen durch Moriheis Schüler immer weiter verzweigt. Dieser Prozess der Verzweigung dauert nach wie vor an. Die verschiedenen Aikidoka bringen unterschiedlichste körperliche und geistige Voraussetzungen mit sich, so dass sie die Dinge, die ihnen gezeigt werden, unterschiedlich umsetzen. Während in einer direkten Lehrer-Schüler-Beziehung es einen klaren Richtig/Falsch-Rahmen schon aus methodischen Gründen gibt, kommt durch das eigenständige Unterrichten dann meist eine persönliche Prägung mit hinein, so dass die Schüler an ihre Schüler die Bewegungsmuster eben leicht modifiziert weitergeben. Dies kann mitunter dazu führen, dass im Zuge von Generationswechseln auch organisatorische Diversifizierungen stattfinden.

Die Satzung des DAB definiert als Ziel, „die Qualität und Reinheit von Lehre und Technik des klassischen Aikido zu erhalten und seine Verbreitung zu fördern“. Schaut man sich im DAB um, findet man eine Vielfalt unterschiedlicher technischer Ausdrucksformen, die dennoch – beispielsweise bei Dan-Prüfungen – gegenseitig Akzeptanz finden, eben weil sie, ganz klassisch, dem Aiki-Prinzip entsprechen, von den Lehrerinnen und Lehrern so unterrichtet wurden und insbesondere das Nicht-Vernichten, den Geist des liebevollen Schutzes zum Ausdruck bringen.

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