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Historischer Abriss der Budo

Dieser Text wurde von Markus Hansen erstellt. Er wird unter anderem für die Trainerlizenz-Ausbildung im DAB genutzt.

Der Legende nach ...

Der Legende nach ist der Ursprung der japanischen Kampfkünste in dem im Jahre 495 in Zentralchina gegründeten und zunächst daoistisch geprägten Kloster Shaolin zu finden. Dort soll der aus Südindien oder Persien stammende buddhistische Mönch Bodhidharma (japanisch Daruma) um 520 angekommen sein. Im Shaolin-Kloster entwickelte er mit den dortigen Mönchen den Chan-Buddhismus (japanisch Zen) als geistige Disziplin, zu denen er körperliche Ertüchtigung und Atemtechniken auf Basis von Kampftechniken unterrichtete, die er in seiner Heimat gelernt hatte. Zusammen mit dem Zen sollen die Kampfkünste dann später nach Japan gelangt sein.

Diese Legende sollte nicht überbewertet werden, da historische Belege weitgehend fehlen. Insbesondere ist es sehr unwahrscheinlich, dass es vor Bodhidharma keine systematischen Kampftechniken gab. Die Handelsrouten zwischen Indien und China wurden ausgiebig genutzt und waren daher beliebtes Ziel von Angriffen, so dass es Nachfrage nach ausgebildeter Bewachung und entsprechende Angebote gegeben haben wird. Insgesamt ist die Vorbereitung auf kämpferische Konflikte den Entstehungsprozessen von Zivilisationsgemeinschaften immanent, so dass ein definitiver Ursprung kaum datierbar sein kann.

Die Zusammenführung von körperlicher Ausbildung in Kampftechniken und geistiger Disziplin durch Bodhidharma im Shaolin-Kloster ist aber tatsächlich grundlegend für die Entwicklung der Budo über die technischen Aspekte hinaus. Dieses Konzept gelangte wie auch andere chinesische Einflüsse (beispielsweise Konfuzianismus, Daoismus oder das Schriftsystem) irgendwann nach Japan. Die Konzepte aus China wurden in Japan nicht einfach nur übernommen, sondern assimiliert und zu den dort bereits vorhandenen Konzepten wie etwa dem Shinto in die japanische Kultur integriert.
Insbesondere die Konzepte der Obrigkeitshörigkeit aus dem Konfuzianismus, der Schicksalsergebenheit aus dem Daoismus sowie von Elementen aus dem Buddhismus zeigten sich später als geeignet, Soldaten so zu schulen, dass sie im Zweifel ihre individuellen Interessen (beispielsweise Überleben) hinter die Interessen der Gruppe, der sie angehörten (unter Leitung ihres jeweiligen Herrschers) zurückstellten.

Japan vor 1600

Die verschiedenen kleinen Königreiche und Stämme Japans wurden zwischen dem vierten und neunten Jahrhundert nach und nach unter einer zentralisierten Regierung des Tenno („himmlischer Herrscher“, Kaiser) vereint. Die zu dieser Zeit etablierte kaiserliche Dynastie existiert noch heute. Im Zuge dieser Zusammenführung etablierte sich auch der Stand der Samurai. Anfangs waren die Armeen nach chinesischem Vorbild aufgezogen. Ungefähr ein Drittel der männlichen Bevölkerung wurden im Falle kämpferischer Auseinandersetzungen zum Kriegsdienst zwangsverpflichtet. Zunächst gab es weder eine Besoldung noch eine strukturierte Ausbildung.

Gegen Ende des achten Jahrhunderts wurde aufgrund schlechter Erfahrungen mit auf diese Weise zusammengestellten Armeen von der Wehrpflicht auf eine Freiwilligenarmee umgestellt. Dabei kamen allerdings zuwenige Personen zusammen, um Sicherheit und Ordnung im gesamten Land zu gewährleisten. Vor allem fernab der Zentralregierung sorgten lokale Großgrundbesitzer zunehmend selbst für Sicherheit in ihren Regionen und stellten dafür bezahlte Heere zusammen. In der Folge boten sie militärische Interventionen als Dienstleistung für das Kaiserhaus an. So entstanden nach und nach die militärische Aristokratie und die Bushi (oder Samurai) als Berufsgruppe und Stand.

Insbesondere gegen die in den nördlichen Regionen Japans lebenden Bevölkerungsgruppen der Ezo oder Emishi, die sich der kaiserlichen Regierung widersetzten, wurden lokale Herrscher (die späteren Daimyo) zum Shogun (genauer: Seii Daishogun 征夷大将軍, „Barbaren unterwerfender Groß-General“) ernannt.

Gegen Ende des zwölften Jahrhunderts übernahmen die Führer der Bushi nach kriegerischen Auseinandersetzungen de facto die Herrschaft über das Land. Minamoto no Yoritomo wurde vom Tenno zum Shogun ernannt und konnte dieses Amt vererben. Diese Machtkonzentration war möglich geworden, nachdem die Ausbildung der Bushi seit ca. Ende des zehnten Jahrhunderts formalisiert worden war. Überlebende von Schlachten, deren Techniken und Taktiken sich als siegreich erwiesen hatten, übernahmen die Unterrichtung neuer Soldaten. Daraus gingen später die ersten Schulen hervor, die systematisch und standardisiert ausbildeten.

Gegen Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts sind die ersten dieser Schulen, die Ryuha 流派, belegt. Einige dieser Traditionen führen ihre Linien zwar zeitlich noch weiter zurück, historische Nachweise dafür gibt es aber nicht. Als die älteste heute noch aktive Schule der Koryu Bujutsu 古流武術, der alten Schulen der Kampfkunst, gilt die Tenshin-shoden-katori-shinto-ryu 天真正伝香取神道流, die Kenjutsu, Iaijutsu, Bojutsu, Naginatajutsu, Sojutsu, Jujutsu und Shurikenjutsu umfasst. Als Koryu, alte Schulen, werden üblicherweise die Systeme angesehen, die sich vor der Meiji-Restauration (1868) formiert hatten.

Eine Ryuha 流派 oder Ryu 流 ist eine Strömung, Ausrichtung oder Schule bzw. ein System (nicht nur) im Budo. Neben der spezifischen Ausprägung der vermittelten Techniken, Taktiken und Strategien ist damit in der Regel auch eine abgeschlossene Gruppierung gemeint. Der Zugang zu diesen Gruppierungen, den Ryuha, war dabei nicht allgemein offen, wie es bei heutigen Sportvereinen der Fall ist. Die Kenntnis über die Inhalte der Schulen konnte schließlich kriegsentscheidend sein. Bei Aufnahme in eine Ryuha (Nyumon 入門, „Durchschreiten des Tores“, oder Oku-iri 奥入, „Betreten des Inneren“) wurde ein Eid abgelegt, die Lehren nicht anderen zu verraten, die Ryuha zu unterstützen und zu erhalten und dem Lehrer und der Schule stets loyal zu sein. Die Schüler-Lehrer-Bindung (Shitei 師弟) ist auch heute noch ein zentrales Element in den Budo.

Die Geheimnisse einer Ryuha wurden nur besonders vertrauenswürdigen Angehörigen weitergegeben. Formalqualifikationen wurden in Form vom Menkyo 免許, Lizenzdiplomen, verliehen. Diese wurden meist in Form von Schriftrollen übergeben, die beispielsweise einen Katalog vermittelter Techniken beinhalten konnten. Solche Lizenzen konnten jederzeit widerrufen werden, wenn Personen aus der Ryuha ausgeschlossen (Hamon 破門, „Zerbrechen des Tores“) wurden, damit sie sich nicht mehr darauf berufen konnten, diese Schule zu vertreten.

Einfachen Soldaten wurden nur nötige Grundlagen vermittelt, so dass sie in eventuellen Schlachten von Nutzen sein konnten, sei es durch den eigenen Tod. In den Kata der Koryu finden sich entsprechend auch Formen, die als Szenario den eigenen Tod als möglichen Ausgang einer Kampfhandlung einschließen, beispielsweise, indem man sich aus einer ansonsten unauflösbar nachteiligen Situation in die Klinge des Feindes stürzt, um so dessen Deckung zu überwinden und ihn doch noch zu erlegen. Der Tod stellt dann nicht mehr Anlass für Verzweiflung dar, sondern eine vertraute und ehrenvolle Option. Egal wie es ausgeht, es ist kein Versagen. Es ist nichts, wovor man sich fürchten muss. So innerlich vorbereitet, zu Gehorsam und Schicksalsergebenheit erzogen, marschierten die Bushi in die Schlacht.

Gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts kam es innerhalb Japans erneut zum Krieg um die Vorherrschaft im Lande. Dabei kamen die Lehren der Koryu ausgiebig zur Erprobung, nicht zuletzt in der großen Schlacht von Sekigahara am 21. Oktober 1600, als die Armeen von Mitsunari Ishida und Ieyasu Tokugawa gegenüber standen. Je nach Quelle nahmen 140.000 bis 200.000 Bushi an der Schlacht teil. Während die Verluste auf Seiten Tokugawas moderat waren, verlor Ishida ca. die Hälfte seines Truppenkontingents. Tokugawa konnte anschließend über den Pass von Sekigahara zur Hauptstadt Kyoto vordringen und diese sowie den Hafen Osaka einnehmen. Nach der Schlacht war Tokugawa Ieyasu der militärische Alleinherscher Japans, 1603 ließ er sich vom Tenno zum neuen Shogun ernennen. Die Hauptstadt wurde nach Edo, dem heutigen Tokyo, verlegt.

Die Edo-Zeit, 1603-1868

In den folgenden anderthalb Jahrhunderten war es in Japan vergleichsweise friedlich. Die Daimyo (Feudalherren) wurden von Tokugawa gruppiert in Verwandte,  Verbündete und ehemalige Gegner der Tokugawa. Alle Daimyo mussten die Hälfte des Jahres in Edo verbringen. Ihre Familien lebten ganzjährig dort. Zwar durften die Daimyo in ihren Provinzen relativ frei handeln, eine feindliche Handlung hätte aber die Hinrichtung ihrer ganzen Familien nach sich gezogen. Die Anzahl der Burgfestungen wurde zudem auf eine je Provinz beschränkt; die anderen wurden zerstört. Für die Familien der ehemaligen Gegner bestand zudem die Auflage, dass sie nicht miteinander heiraten durften, um so Zusammenschlüsse zu verhindern.

Die Bevölkerung wurde in streng voneinander getrennte Stände eingeteilt. Ganz unten (da nicht produktiv tätig) waren die Händler. Darüber in der Ständeordnung waren die Handwerker, dann kamen die Bauern. Den obersten Stand bildete der Schwertadel, der das Land verwaltete. Die Bushi wurden so langsam aber sicher von Kriegern zu Beamten. Das vergleichsweise bekannte Buch Hagakure, in dem Tsunetomo Yamamoto seine Aufassung über philosophische, politische und militärische Aspekte des Bushido, d. h. dem „Samurai-Sein“, ausführt, wurde um 1715 verfasst. Der tatsächliche Erfahrungshintergrund des Autors als Bushi bestand darin, Schreiber eines Daimyos zu sein.

Zum Zwecke der weiteren Befriedung Japans wurden alle Schwerter beschlagnahmt. Nur die Bushi durften Schwerter besitzen und tragen. Schusswaffen wurden vernichtet. Zudem wurde eine deutliche Abschottungspolitik Japans durch das Tokugawa-Shogunat betrieben. Ausländer durften nicht mehr ins Land. Japaner, die länger als fünf Jahre außer Landes gelebt hatten, durften nicht wieder einreisen, da sie in der Zwischenzeit zum Christentum hätten konvertieren können.

Dieses rigide Vorgehen lag unter anderem daran, dass christliche Missionare zuvor Ishida unterstützt und in den politischen Ränkespielen kräftig mitgemischt hatten, um eigene Machtinteressen zu verfestigen. Nachdem es 1639 einen (niedergeschlagenen) Aufstand christlicher Landbevölkerung gegeben hatte, wurde alles Christliche nachhaltig (beispielsweise durch Hinrichtungen) beseitigt und jegliche Aus- und Einreise von Japanern verboten.

Als einziger Kontakt zur westlichen Welt durfte die Niederländische Ostindien-Kompanie auf einer künstlichen Insel im Hafen von Nagasaki eine Handelsniederlassung errichten. An einzelnen Orten wurden zudem Handelsbeziehungen nach China, Korea sowie Südost- und Nordostasien unterhalten. Wer andernorts versuchte, auf den japanischen Inseln anzulanden, wurde hingerichtet oder lebenslang inhaftiert.

Zur Durchsetzung dieser strikten Abschottung errichtete das Shogunat ein umfangreiches Polizeistaatssystem. Alles wurde reglementiert und überwacht. Die Sanktionen bei Regelverstößen waren rigide. Ein Ständesystem nach konfuzianischem Vorbild wurde etabliert.

In der Folge gingen die Kampfhandlungen und damit der Bedarf an großen Mengen schnell ausgebildeter Soldaten im Land zurück. Die Bushi suchten in den Ryuha zunehmend nicht mehr reine Überlebensfähigkeiten. Die Lehren entwickelten sich daher weiter. Der Gedanke, nicht mehr nach dem schnellen Sieg über andere zu suchen, sondern kontinuierlich an einer Verbesserung der eigenen Fähigkeiten zu arbeiten, entwickelte sich.

Nicht nur in den Kampfkünsten, auch in anderen Formen der Kunst wurde das Streben nach kontinuierlicher Weiterentwicklung zunächst der eigenen Fähigkeiten, später des Selbst, zunehmend zum Paradigma. Insbesondere der in Japan in das [[Do]]-Konzept (道) assimilierte Daoismus (das chinesische Dao und das japanische Do haben das gleiche Schriftzeichen) hielt hier Einzug. Dabei ist Chado (oder Sado) 茶道, Tee-Weg oder Tee-Methode, als Bezeichnung für die Teezeremonie bereits im sechzehnten Jahrhundert belegt. Im siebzehnten Jahrhundert gibt es die ersten Kampfkunstrichtungen, die Do als Teil ihrer Selbstbezeichnung verwenden.

Die Meiji-Restauration

Die Abschottung Japans wurde zunehmend von außen bedrängt; die Kolonialmächte des Westens wollten auch Japan als Ressource für Handel und Macht erschließen. Das Shogunat versuchte zunächst, eine Öffnung Japans zu verhindern. Im Juli 1853 landeten jedoch vier Schiffe der USA unter dem Kommando von Matthew Perry, der ein Schreiben des damaligen Präsidenten Fillmore im Gepäck hatte, in der Bucht von Edo an und verlangten eine Öffnung. Japan verfügte zu der Zeit über keine Kriegsmarine, hatte dem Eindringen daher wenig entgegenzusetzen. Das Shogunat ging schließlich teilweise auf das Ansinnen ein. Perry kehrte daraufhin im nächsten Jahr mit dann acht Kriegsschiffen und weiteren Forderungen wieder, woraufhin ein formales Handelsabkommen zwischen Japan und den USA getroffen wurde.

Diese Vorgänge hatten allerdings auch zur Folge, dass die Macht des Shogunats innenpolitisch bröckelte und Forderungen der Daimyo nach einer neuen Führung Japans lauter wurden. In kurzer Zeit stellte sich die Mehrheit der Daimyo hinter diese Forderungen: Um Japan vor den ausländischen Mächten zu schützen, musste das Shogunat entsorgt und das Land modernisiert werden.

Das Shogunat versuchte, sich dem Westen anzunähern. Unter dem vorletzten Shogun Iemochi Tokugawa wurde 1860 eine Delegation zunächst in die USA gesandt (also in dem Jahr, in dem Lincoln Präsident wurde und der Bürgerkrieg sich dort abzuzeichnen begann), der 1862 und 1863 weitere Delegationen nach Europa nachfolgten, um dort jeweils Informationen über die westliche Zivilisation zu sammeln sowie neue Handelsbeziehungen zu ermöglichen.

Das Shogunat hatte noch andere Interessen – so organisierte man sich etwa von Napoleon III Unterstützung bei der Entwicklung des eigenen Militärs, insbesondere der Marine, was dazu führte, dass 1868, nachdem der 15. und letzte Tokugawa-Shogun Yoshinobu sein Amt niedergelegt hatte, die japanische Marine bereits über acht Kriegsschiffe mit Schraubenantrieb nach westlichem Vorbild verfügte. Um den Niedergang des Shogunats abzuwenden, waren zuvor militärische Dienstleistungen wie Bombardements aufrührerischer Städte bei den westlichen Mächten eingekauft worden – erfolglos.

Das gesamte Land der Tokugawa wurde dem jungen Mutsuhito, der ab 1867 unter dem Namen Meiji als Tenno im Amt war, zugesprochen. Die anderen Daimyo übergaben ihr Land ebenfalls dem Tenno, dem nun ganz Japan gehörte. Nach dem Ende des Shogunats war somit die Herrschaft des Kaisers wiederhergestellt, daher die Bezeichnung „Restauration“. Allerdings  formierte Meiji die inneren Strukturen des Landes in sehr hoher Geschwindigkeit um, um Japan von einem landwirtschaftlich geprägten Feudalstaat in eine moderne kapitalistische und industrialisierte Gesellschaft zu überführen, die mit den westlichen Mächten mithalten und auf Augenhöhe agieren konnte.

In den ersten Jahren der Amtszeit von Kaiser Meiji war Japan bemüht, als „gut“ erkannte Dinge vom Westen zu übernehmen und dabei zugleich die asiatische Identität zu bewahren. Eine Übergangsregierung bildete sich, die unter anderem ihr halbes Kabinett in den Westen sandte, um erneut Informationen zu sammeln und die Grundlagen für einen modernisierten japanischen Staat zusammenzutragen.

Diese sogenannte Iwakura-Mission dauerte von 1871 bis 1873. Insbesondere Deutschland bzw. Preußen wurde in dieser Zeit dreimal von der Delegation aufgesucht. Die Iwakura-Mission – benannt nach ihrem Leiter Tomomi Iwakura, der den Vorgänger von Kaiser Meiji angeblich tötete, um den Weg für Reformen freizumachen – schaute sich nun weitere Felder an, die für Japan interessant waren. So lassen sich insbesondere in der japanischen Verfassung von 1889, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg ersetzt wurde, sowie allgemein in der Gesetzgebung deutliche Spuren deutscher Vorbilder wiederfinden.

Im Bildungs- und Erziehungssystem lassen sich ebenfalls westliche Einflüsse entdecken. Bereits vor der Mission war in Japan beschlossen worden, die medizinische Ausbildung nach deutschem Vorbild zu gestalten. Aber auch Äußerlichkeiten schlugen sich nieder: Die Schuluniformen japanischer Mädchen hatten ihre Vorbilder bei der britischen Marine, die der Jungen beim preußischen Heer. Und auch im modernen Aikido findet man – über den Umweg des Kodokan Judo – einen preußischen Einfluss wieder. Die Zählung von 6. Kyu, 5. Kyu, 4. Kyu, 3. Kyu, 2. Kyu und 1. Kyu entspricht Sexta, Quinta, Quarta, Tertia, Sekunda und Prima, den Klassen des preußischen Gymnasiums, die zu durchlaufen waren, um die Hochschulreife und damit die Zulassung zum eigentlichen Studium zu erlangen.

Die Meiji-Restauration hatte auch direkte Auswirkungen auf die Kampfkünste. Jigoro Kano hatte 1882 sein Kodokan eröffnet und dort seine eigene Kampfkunst unterrichtete, die er später Judo 柔道 nannte. Dabei führte er Techniken aus verschienden Ryuha des Jujutsu 柔術 zusammen, zunächst Wurftechniken aus der Kito-ryu und Würgetechniken aus der Tenjin-shinyo-ryu. Das Innovative und damit Zeitgemäße an Kanos Ansatz war, dass er sich westlicher Pädagogik, Didaktik und Methodik bediente, um eine moderne Kampfkunst zu etablieren. Kano war es auch, der das Kyu-Dan-System im Budo einführte und damit das Menkyo-System ablöste.

1895 wurde der Dai Nippon Butokukai 大日本武徳会 als privat organisierte Vereinigung zur Förderung der Budo-Tugenden auf Anordnung des Bildungsministeriums in Kyoto gegründet. Während der rapiden Modernisierung des Landes war alles Westliche schick und geachtet, alte japanische Traditionen hingegen galten als überholt und wenig attraktiv. Daher wurden verschiedene Maßnahmen ergriffen, um das kulturelle Erbe und die Identität Japans zu bewahren. Im Dai Nippon Butokukai sollten die verzweigten Ryuha der Kampfkünste zusammengefasst und strukturell vereinheitlicht werden. Insbesondere gingen so Kendo und Iaido nach einigen Jahren als standardisierte Grundformen aus diesen Vereinheitlichungen hervor. Diese Standardisierung fasste verschiedene Formen verschiedener Schulen zu einem gemeinsamen Grundkanon zusammen, der sich leichter unterrichten ließ.

Die geringe Attraktion der alten Schulen ließ einige von ihnen gänzlich verschwinden. Einige Lehrer wurden in der Folge freigiebiger darin, an wen sie ihre Tradition vermittelten, um sie nur ja zu erhalten. Jigoro Kano berichtete etwa, dass er Schriftrollen, in denen Techniken, Taktiken und Strategien alter Schulen aufgezeichnet waren, angetragen bekam, da ihm zugetraut wurde, diese zuvor geheim gehaltenen Schätze zu bewahren.

Unter anderem auf Kanos Betreiben wurde ab 1889 im Auftrag der Regierung untersucht, ob es sinnvoll wäre, Kenjutsu und Jujutsu in die Lehrpläne der Schulen aufzunehmen. Als das Ergebnis 1894 vorlag, wurde das Vorhaben zunächst abgelehnt. Allerdings wurden 1911 dann die standardisierten Systeme Kendo und Judo als reguläre Schulfächer eingeführt.

Im Jahr 1890 trat die Verfassung in Kraft, die Meiji (unter anderem mit deutscher Hilfe) ausarbeiten ließ. Das Kaiserreich Groß-Japan wurde zur konstitutionellen Monarchie. Es gab ein Herren- und ein Abgeordnetenhaus sowie ein Kabinett mit einem Premierminister. Wirtschaftlich war Japan zugleich dabei, sich zu industrialisieren.

Auch in Sachen Kolonialismus hatte sich Japan entwickelt. Nach dem Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg gelangte Taiwan unter japanische Herrschaft. Nach dem Russisch-Japanischen Krieg wurde Korea 1905 zunächst japanisches Protektorat und 1910 als Provinz Chosen annektiert. In der Folge haben auch die heutigen koreanischen Kampfkünste zum Teil sehr starke japanische Einflüsse.
 
Als Meiji 1912 starb, hinterließ er seinem Sohn Yoshihito ein ganz anders aufgestelltes Land, als er es bei seinem Antritt als Tenno vorgefunden hatte.

Militarisierung im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges

Der Taisho-Tenno, Eigenname Yoshihito, nahm wenig Einfluss auf die japanische Politik. Seine Regentschaft trat er nach dem Tode Meijis im Juli 1912 an. Nachdem er ab 1918 jedoch stark gesundheitlich beeinträchtigt war, übernahm sein Sohn Hirohito seine Aufgaben. Nach dem Tode Yoshihitos 1925 wurde er 1926 zum Showa-Tenno. Hirohito war damit der dritte Tenno der modernen Ära Japans, die mit den Meiji-Restaurationen begann.

Nachdem Hirohito die Herrschaft angetreten hatte, verstärkte sich der Einfluss des Militärs in der japanischen Regierung deutlich. Die japanische Kwantung-Armee besetzte ohne große Rücksprache mit der Regierung die Mandschurei, in der dann der japanische Marionettenstaat Manchukuo entstand. Spätestens nach der Ermordung von Premierminister Tsuyoshi Inukai bei einem – wenn auch letztlich gescheiterten – Putschversuch junger Marine-Offiziere 1932 hatte das Militär sich ziviler Kontrolle entledigt. Der Einfluss der politischen Parteien auf die Regierungsentscheidungen wurde immer geringer.

Der Kurs Japans wurde zunehmend deutlich in Richtung weiterer Kriege gesetzt; China und ganz Asien sollte unter japanische Herrschaft. Budo wurde als Mittel benutzt, das Land auf diesen Kurs einzunorden. Für viele Japaner der 1930er Jahre bedeutete Budo-Unterricht (nicht nur) an den staatlichen Schulen, dass man lernte, Patriot und Militarist im Einklang mit der Staats-Propaganda zu sein.

1941 gab es eine weitere Verschärfung der japanischen Politik: Premierminister Fumimaro Konoe wurde, nachdem seine Verhandlungen mit den USA gescheitert waren, durch Hideki Tojo, den bisherigen Kriegsminister ersetzt. Sieben Wochen nach Tojos Amtsantritt erfolgte dann der Angriff auf Pearl Harbor.
 
Den Höhepunkt der Einbindung der Kampfkünste in die Militarisierung war schließlich die organisatorische „Gleichschaltung“ 1942. Die Regierung kam überein, den Dai Nippon Butokukai umzustrukturieren und in die Regierungsorgane einzubeziehen. Alle anderen Budo-Organisationen wurden zwangsweise unter die Führung des Dai Nippon Butokukai gestellt, so auch Jigoro Kanos Kodokan oder Morihei Ueshibas Kobukan.

Die Zielsetzung des neuen Dai Nippon Butokukai war deutlich: <blockquote> „Angehörige des japanischen Reiches müssen Budo studieren, um Loyalität, Tapferkeit und Heldentum zu kultivieren, damit der Geist der Nation gestärkt wird, während die Prinzipien von Hingabe und Ehre sich entwickeln. Das Wesen des Budo muß im Lebensstil der Nation verkörpert sein, und wenn die Gefahr droht, dürfen alle nicht zögern, das eigene Leben zu opfern, um ihre Verpflichtung gegenüber dem Kaiser zu zeigen.“</blockquote>
Im Dai Nippon Butokukai waren alle Kampfkünste gemeinsam organisiert und wurden auch standardisiert. Der Butokukai übernahm die Hoheit über ausgebene Graduierungen und Lehrlizenzen. Insbesondere wurden auch Lehrinhalte vorgegeben, so etwa das Training mit dem Juken, einem Gewehr mit Bajonett – der Waffe, die Frontsoldaten zur Verfügung hatten. Auch das Werfen von Granaten fiel im Schulunterricht nun unter „Budo“.

Nachkriegszeit

Nach der japanischen Kapitulation waren die USA in Person von Douglas MacArthur als Supreme Commander Allied Powers (SCAP) der neue de facto Herrscher über Japan. Im Oktober 1945 unterrichtete SCAP das Bildungsministerium Mombusho darüber, dass die Verbreitung militaristischer und ultranationalistischer Ideologie verboten und alle militärischen Ausbildungen und Übungen einzustellen seien.

Im Januar gab SCAP die Direktiven 550 und 548 aus, die die Entfernung und Ausgrenzung militaristischer und ultranationalistischer Personen aus dem öffentlichen Leben forderte. Ein Ergebnis dieser Anordnungen war, dass das Bildungsministerium jegliche Kampfkunst aus den Lehrplänen der Schule entfernte. Ein weiteres Ergebnis war die Auflösung des Dai-Nippon Butokukai, mit der Folge, dass es erstmals seit Jahrzehnten keine zentrale organisatorische und regulatorische Instanz im Budo-Bereich mehr gab.

Ähnlich den Entnazifizierungsbemühungen in Deutschland versuchte SCAP zwischen 1946 und 1948 in Japan zudem, ehemalige Faschisten aktiv zu verfolgen und zu stellen. Einige dieser Personen waren sehr aktiv im Budo gewesen. Da diese verfolgt wurden und die allgemeine Ausbildung mit Bajonett und Granaten, die unter „Budo“ lief, verboten wurde, wurde der Betrieb der traditionellen Kampfkünste nahezu vollumfänglich ebenfalls eingestellt.

In einem Interview gab Gozo Shioda an, dass auch Morihei Ueshiba als „Kriegsverbrecher der Klasse G“ gesucht wurde, was mit erklären könnte, warum von diesem in diesen Jahren nicht viele Aktivitäten bekannt sind. Jedoch stellten die USA 1948 jegliche Verfolgung von Kriegsverbrechern ein und konzentrierten sich stattdessen auf den kalten Krieg mit der UdSSR (und insbesondere MacArthur sich auf seine - später zurückgezogene - Präsidentschaftskandidatur).

MacArthur wurde später insbesondere vorgeworfen, dass Kaiser Hirohito nicht als Kriegsverbrecher angeklagt worden war. Dies hing unter anderem damit zusammen, dass die japanischen Militärs und Beamten stets angaben, für alle Handlungen jeweils selbst verantwortlich gewesen zu sein und abstritten, dass den Tenno irgendeine Schuld träfe, während zeitgleich in Deutschland die Ausrede, ja auf Befehl gehandelt zu haben, sehr beliebt war und alle Verantwortung so letztlich auf Adolf Hitler abgeschoben wurde. MacArthur schien aber auch den Eindruck zu haben, dass es leichter sei, in Japan eine stabile neue Ordnung zu etablieren, wenn der Tenno als Instanz erhalten bliebe. In der japanischen Nachkriegsverfassung hat der Tenno allerdings nur noch symbolische Bedeutung, keinerlei Regierungsgewalt mehr, und ist auch nicht mehr als Gottheit definiert.

Die Kampfkünste erholten sich unterschiedlich schnell wieder von dieser Phase und organisierten sich neu. Es war schwierig, neue Interessenten für die Dojos zu gewinnen. Unter den Angehörigen der Besatzungstruppen fanden sich jedoch einige, was den japanischen Disziplinen zu internationaler Verbreitung verhalf. Jigoro Kano hatte diese für sein Kodokan Judo schon vor dem Krieg angestoßen. Auch andere Schulen erkannten, dass sie besser überleben konnten, wenn sie sich internationalisierten. So entsandte auch der neu aufgebaute Aikikai Ueshibas vormalige Uchi-deshi bald als mehr oder weniger gut ausgebildete Lehrer in die Welt.

Budo in der Moderne, Degeneration durch Versportlichung

Insbesondere Judo und Karate verbreiteten sich recht fix in den Westen, hatten sie doch ein Element im Repertoire, dass mit dieser Welt hochgradig kompatibel war: Wettkampfsport. 1964 trat Judo bei den Olympischen Spielen in Tokyo erstmals als olympische Disziplin in Erscheinung.

Judo, Karate und Kendo sind heute die bekanntesten japanischen Disziplinen, in denen Wettkampfsport betrieben wird. Der Fokus darauf hat ihren Charakter allerdings nachhaltig beeinträchtigt. Prüfungsprogramme wurden nicht selten auf Wettkampftauglichkeit optimiert, Wettkampfregularien zum Teil auf Medienkompatibilität. Der ursprünglich reine weiße Keikogi im Judo hat längst auch buntere Pendants und definierte Werbeflächen.

Von der ursprünglichen Ganzheitlichkeit des Kodokan Judo von Jigoro Kano ist heute in vielen Dojos oder Vereinen - bis auf einige Glückstreffer - nicht mehr viel zu finden. Im Karate gibt es aufgrund der Diversität unterschiedlicher Ausrichtungen auch Strömungen, die sich nicht zum Sport degeneriert haben, aber beispielsweise im Kendo muss man mit zunehmender Verbreitung als Wettkampfdisziplin davon ausgehen, dass die Ausübenden zwar mit einer Bambuswaffe einen Punkt erzielen können, aber keine Ahnung haben, wie man mit einem Schwert schneidet. Die versportlichten Varianten haben sich insofern sehr stark von ihren Vorformen weg entwickelt und zum Teil nur noch äußerliche Gemeinsamkeiten. Aus „der Weg ist das Ziel“ wurde hier teilweise „der Sieg ist das Ziel“.

 

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