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Lern- und Ausbildungsstufen

Dieser Text wurde von Markus Hansen erstellt. Er wird unter anderem für die Trainerlizenz-Ausbildung im DAB genutzt.

Einführung

Aikido ist eine Bewegungsdisziplin, die entsprechend eine Koordination und Verinnerlichung von motorischen Abläufen erfordert. Wie beim Erlernen anderer Fertigkeiten wie beispielsweise dem Schreiben mit der Hand werden zunächst vorbereitende Techniken wie das Aneinanderreihen von einfachen, wiederkehrenden Mustern auf einer Linie erarbeitet. Diese habe mit der späteren Anwendung, Gedanken sprachlich zu Papier zu bringen, noch nicht erkennbar viel zu tun – dennoch bilden sie das Fundament dafür.

Im Aikido ist es ähnlich: Am Anfang der Ausbildung stehen grundlegende Körperhaltungen und Bewegungsabläufe, an die sich die Grundtechniken als Ausbildungsinhalte anschließen. Auf den Grundtechniken bauen dann die fortgeschritteneren Formen auf. Eine solche aufeinander aufbauende Strukturierung der Inhalte eines Lehrsystems nennt man ein Curriculum (aus dem Lateinischen: Wettlauf, Umlauf, Kreisbahn, Lauf) bzw. einen Lehrplan.

Prüfungsordnungen als Rahmenlehrplan

Lehrpläne kennen wir zumeist aus der Schule. Im Aikido haben wir beim Unterrichten gegenüber den allgemeinbildenden Schulen allerdings den Vorteil, dass wir keine festgelegten Zeitrahmen zur Erarbeitung der Lernziele haben. Die Abschlussprüfungen finden nicht zu bestimmten Zeitpunkten statt, sondern die Aikidoka können geprüft werden, sobald sie jeweils individuell den Anforderungen gewachsen sind. Die Prüfungen stehen dabei in der Regel in der Bedeutung auch hinter der Freude am Aikido an sich zurück.

Außerdem nehmen die Schülerinnen und Schüler im Aikido freiwillig und aus eigenem Antrieb heraus am Training teil, was viele Probleme wie Motivationsdefizite und pubertätsbedingte indifferente Trotzhaltungen, die man im Schulunterricht antreffen kann, deutlich abmildert. Dennoch gibt es natürlich auch im Aikido-Unterricht Herausforderungen methodischer Art, zum Beispiel, dass wir in der Regel keine Gruppen vor uns haben, die wie Schulklassen (zumindest grob) nach Lernstand und Lebensalter vorsortiert sind.

Anstelle der Schulklassen haben wir mit den Graduierungen im Aikido ein zwar ebenfalls formalisiertes System, um den Lernfortschritt rückmelden zu können, es bezeichnet aber nicht einfach die gesamte Klasse. Die unterschiedlichen Erfahrungslevel können im Aikido durch das System der Graduierungen individuell bestätigt werden. Dabei gibt es Kyu-Grade und Dan-Grade. Kyu bedeutet übersetzt "Klasse". Dan bedeutet "Stufe".

So ergibt sich eine dreigliedrige Struktur der Graduierungen: Personen ohne Dan-Grad (die Kyu-Grade) heißen Mudansha 無段者, Personen mit Dan-Grad Yudansha 有段者 (dies sind auch jeweils die Übersetzungen). Personen mit hohem Grad, die bereits alle Prüfungen hinter sich haben, werden als Kodansha 高段者 bezeichnet.

Die Graduierungen im Aikido sind also Rückmeldungen zum individuellen Fortschritt. Diese Graduierungen werden in der Regel durch Prüfungen (Shinsa 審査) erlangt. Die ersten Prüfungen erstrecken sich auf die fünf vorbereitenden Kyu-Grade, an die sich die Dan-Grade, die eigentlichen Stufen im Aikido, anschließen. Die Kyu-Grade werden dabei rückwärts gezählt, die Dan-Grade dann vorwärts. Die Prüfungen erstrecken sich vom 5. Kyu Aikido bis zum 5. Dan Aikido (höhere Dan-Grade werden dann verliehen). Der erste Aikido-Grad ist der 5. Kyu, davor ist man ungraduiert (manchmal auch als 6. Kyu bezeichnet).

Bei den Kyu-Graden handelt es sich um Vorbereitungsgrade. In dieser Phase werden die Grundfertigkeiten erlernt. Das japanische Wort für den 1. Dan ist Shodan 初段, was wörtlich Anfänger-Stufe bedeutet und damit von der Bedeutung „Meister/-in“ weit entfernt ist. Die japanischen Bezeichnungen der folgenden Dan-Grade entsprechen dann den Zahlworten wie im Deutschen. Bei den Dan-Graden der Yudansha-Phase handelt es sich um „Nachmach-Dane“, d. h. es geht darum, die Vorgaben der jeweiligen Lehrperson genau umzusetzen. In der Kodansha-Phase soll dann eine eigene technische Entwicklung einsetzen.

Shu-Ha-Ri 守破離 bezeichnet drei Stufen des Lernens und inneren Wachstums beim Erlernen einer Kunst, insbesondere einer Kampfkunst.

  • Shu
    Shu bedeutet beschützen, bewahren, einhalten. Shu ist die erste Stufe und beschreibt das strenge Befolgen der durch den Lehrer oder die Lehrerin vorgegebenen Form. Die Shu-Stufe umfasst die Mudansha- und Yudansha-Grade. Viele Aktive hören leider wieder auf, bevor sie die Inhalte der Shu-Stufe vollständig erarbeitet haben, oder lösen sich zu früh von den Vorgaben ihrer Lehrer/-in und stagnieren dann in ihrer Entwicklung.

  • Ha
    Ha bedeutet zerreißen, brechen. Ha ist die zweite Stufe und beschreibt die Anwendung und Verfeinerung der erlernten und verinnerlichten Form. Die Ha-Stufe umfasst die Kodansha-Grade und wird insofern nur von einem geringen Teil der Aktiven erreicht.

  • Ri
    Ri bedeutet sich entfernen, sich trennen, verlassen. Ri ist die letzte Stufe und beschreibt ein Lösen von festen Formen. Die Ri-Stufe wird nur von wenigen Einzelpersonen erreicht.

Die Übergänge zwischen den Stufen sind dabei fließend. Ein Graduierung bedeutet daher auch nicht zwangsläufig, dass auch die entsprechende Stufe erreicht wurde, da die Gründe für Graduierungen – insbesondere der Kodansha-Grade – mitunter vielfältig sind.

Die Prüfungsprogramme stellen bei der wichtigen Shu-Stufe einen groben Lehrplan für die Ausbildung der Kyu- und Dan-Grade vor. Sie bilden so zudem einen Orientierungsrahmen für die Planung des Aikido-Unterrichts.

Gradbezogene Anforderungen und Schwierigkeiten

Da wir beim Aikido in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle allerdings heterogene Gruppen haben, in denen die Kyu- und Dan-Grade – munter und voller Freude – gemischt miteinander trainieren, stellt sich schnell heraus, dass die gleiche Aufgabenstellung die Gruppe nicht gleichermaßen fordert: Während die einen noch dabei sind, ihre Füße an die jeweils richtige Stelle zu sortieren, arbeiten die nächsten schon daran, dass die Schulter bei der Tenkan-Drehung von Ude-osae nicht hochkommen darf. Wieder andere feilen bereits an der zeitlichen Koordination bei der Aufnahme des Angriffs. Die unterschiedlichen Stufen im Aikido bilden sich hier dadurch ab, dass die Lernenden eben an unterschiedlichen Aspekten der zu übenden Form verzweifeln.

Die unterschiedlichen gradbezogenen Anforderungen und Schwierigkeiten lassen so die gleichen Techniken wieder und wieder zu neuen Herausforderungen werden. Mit steigendem Grad werden die gleichen Bewegungsformen immer mehr in die Tiefe ergründet und auch unter neuen Aspekten beleuchtet.

So gehört beispielsweise der Shiho-nage zu den ersten Techniken, die in unserem Aikido-System vermittelt und geprüft werden. Bei der Prüfung auf Shodan ist es die erste Technik, die in der Überprüfung abgeprüft wird. Zum 2. Dan wird sie im Fach Hanmi-hantachi-waza gefordert. Auch bei den folgenden Graden wird man sie wieder und wieder (gegen Angriffe mit Waffen, bei Verkettungen oder der Abwehr mehrerer Angreifer) antreffen. Jedesmal kommen dabei neue Aspekte dazu, die das Gesamtverständnis der Technik vertiefen und erweitern. Aikido wird bei fortschreitender Kompetenz also nicht einfach nur schneller.

Diese Auseinandersetzung mit den gleichen Problemstellungen auf einem jeweils höheren Niveau kann unter Umständen dann in andere Lösungsansätze für die gleiche Aufgabe und einem inhaltlichen Durchdringen der Technik münden. Dieser Aspekt eines Lehrplans, dass man sich mit den gleichen Inhalten auf höherem Niveau erneut und eingehender auseinandersetzt, wird mit dem Begriff Spiralcurriculum beschrieben. Dabei kommt man im Lernprozess immer wieder an die gleiche Stelle, nähert sich dem Wesenskern des Lerngegenstandes, den man dabei umrundet, aber immer weiter an.

Der Ansatz des Spiralcurriculums beinhaltet auch, dass den Lernenden zunächst vereinfachte Formen und Modelle vermittelt werden (sogenannte didaktische Reduktion), die sie später – auf einer dann fortgeschritteneren Erkenntnisebene – noch einmal neu lernen werden. Daher ist es für den eigenen Lernfortschritt auch kontraproduktiv, nach einer bestandenen Prüfung zu denken, nun habe man diese Lerninhalte abgeschlossen, und sich nur noch auf neue Prüfungsinhalte für die nächste Stufe zu stürzen.

Durch das kontinuierlich zu absolvierende Fach der Überprüfung soll sichergestellt werden, dass auch zuvor vermittelte Lerninhalte auf dem angestrebten neuen Niveau erarbeitet und verinnerlicht wurden. Ist dies nicht der Fall, kann in der Folge die eigentliche Prüfung nicht angetreten werden. Gleichzeitig fließt das Ergebnis der Überprüfung in die Gesamtbewertung der Prüfungsleistung ein, was die Bedeutung der regelmäßig wiederkehrenden Auseinandersetzung mit den „alten“ Inhalten unterstreicht.

Intensitätsstufen des Trainings

Neben den abgestuften und aufeinander aufbauenden Inhalten des Aikido-Unterrichts wird auch die Intensität der Ausführungen in abgestuften Formen vermittelt.

Das Training als solches wird im Japanischen als Keiko 稽古 oder auch Geiko (der Laut liegt zwischen G und K und wird unterschiedlich transliteriert) bezeichnet. Der Begriff setzt sich zusammen aus den Kanji für denken, überlegen und alt, alt werden. Es bezeichnet insofern einen Reifungsprozess durch Reflexion. Es gibt für das Training auch die Bezeichnung Renshu 練習, die nicht mit der Assoziation von Reifung verbunden ist. Keiko wird eher für das Üben von etwas traditionellem wie Budo verwendet, Renshu eher für etwas modernes. Ein Beispiel: Ein Iaido-Training ist eher Keiko, ein Basketball-Training eher Renshu.

Aikido-Techniken können entsprechend dem Entwicklungsstand der Übenden unterschiedlich intensiv und fokussiert ausgeführt werden. Dabei ist darauf zu achten, dass einer Erhöhung von Dynamik und Geschwindigkeit unabdingbar eine starke Verinnerlichung der Präzision der Bewegungen vorausgehen muss.

Als Hinführung zum Üben findet man folgende Abstufungen in der Systematik des DAB:

  • Ju-no-geiko 柔の稽古
    Ju-no-geiko bedeutet weiches, geschmeidiges Üben. Uke greift so an, dass Nage weich durch alle Bewegungsabläufe gehen kann. Bis einschließlich 1. Dan Aikido wird für Prüfungen im DAB in Ju-no-geiko gearbeitet.

  • Kakari-geiko 懸かり稽古
    Kakari bedeutet ernsthaft angreifen. Uke legt stärkere Dynamik in seinen Angriff, so dass Nage schneller und kürzer reagieren muss. Angriff und Abwehr werden dabei deutlich fokussierter (nicht: brutaler).

In anderen Systemen, beispielsweise in den Linien von Morihiro Saito, findet man folgende Stufen:

  • Katai 固い (auch: 堅い oder 硬い)
    Katai bedeutet wörtlich hart, fest, eng, solide, hölzern. Katai-geiko legt einen großen Schwerpunkt auf Kihon und wird daher manchmal auch so bezeichnet. Geübt werden Grundmuster der Bewegungsformen ohne Bewegungsfluß. Die einzelnen Positionen innerhalb einer Technik werden mit hoher Genauigkeit eingenommen, die Übergänge sind jedoch weniger relevant.

  • Jutai 柔体
    Jutai bedeutet "flexible Form" und bezeichnet ein flüssiges Durchgehen durch die Bewegungsfolge ohne Stocken. Die Auswirkungen auf den Partner sind nicht mehr unerheblich, aber auch noch nicht im Fokus. Uke ist weich, geschmeidig und sehr zulassend. Als Bezeichnung findet sich auch Yawarakai 柔らかい, wobei es sich um die Adjektiv-Form von Ju handelt.

  • Ki-no-nagare 気の流れ
    Ki-no-nagare heißt wörtlich "Ki fließen lassen". Es handelt sich um flüssige Bewegungsformen mit hoher Dynamik und hohem Fokus von Uke und Nage. Ki-no-nagare erfordert einen sehr hohen Verinnerlichungsgrad sehr präziser Grundformen. Saito war daher auch sehr deutlich bezüglich der Voraussetzungen für diesen Modus: 「気の流れの稽古は三段以上」 - Üben von Ki-no-nagare ab 3. Dan oder höher.

Ein weiteres System der Abstufung der Ausführungsformen ist die folgende Unterteilung, die beispielsweise Nobuyoshi Tamura oder Masahiro Nakazono verwendet haben. Tai ist hier - zulässig - mit "Form" übersetzt, bedeutet aber vornehmlich "Körper".

  • Kotai 個体
    Kotai bedeutet wörtlich "individuelle Form" und bezeichnet ein Einüben der Grundbewegung, bei der die Auswirkung auf und Interaktion mit Uke nicht erheblich ist. Es werden die grundsätzlichen Bewegungsabfolgen erlernt.

  • Jutai 柔体
    Jutai bedeutet "flexible Form" und bezeichnet ein flüssiges Durchgehen durch die Bewegungsfolgen ohne Stocken. Die Auswirkungen auf den Partner sind nicht mehr unerheblich, aber auch noch nicht im Fokus. Uke ist weich, geschmeidig und zulassend.

  • Ryutai 流体
    Ryutai bedeutet "fließende Form" und bezeichnet ebenfalls ein flüssiges Arbeiten in den Bewegungsformen, wobei jedoch Aspekte wie Zentrumskontakt, Kuzushi, also die Verbindung mit und Führung von Uke sowie Kontrolle über dessen Gleichgewicht eine größere Rolle spielt.

  • Kitai 気体
    Kitai bedeutet "Ki-Form". Es handelt sich um flüssige Bewegungsformen mit hoher Dynamik und hohem Fokus von Uke und Nage. Kitai-Geiko erfordert einen sehr hohen Verinnerlichungsgrad sehr präziser Grundformen.

Allen Systematiken gemein ist der Ansatz, dass aus den anfänglichen Formen statischer Bewegungen zunehmend Wert auf die Auswirkungen der eigenen Bewegungen auf Uke gelegt werden und mit zunehmender Verinnerlichung die Dynamik und Fokussierung der Gesamtbewegungen ansteigt, wobei auch die Anforderungen an das Ukemi (insbesondere Fallschule) der angreifenden Personen steigen.

Daher ist bei der Vermittlung von Inhalten gerade in heterogenen Gruppen darauf zu achten, ob alle Teilnehmenden die gezeigten Formen auch als Uke verletzungsfrei umsetzen und fallen können, die Intensitätsstufe entsprechend darauf anzupassen. Man kann auch die gleiche Form von unterschiedlich fortgeschrittenen Übungspaaren in unterschiedlicher Intensität üben lassen. Schon aus einem anderen Angriff (beispielsweise Yokomen-uchi statt Katate-tori-gyaku-hanmi) erfordert der gleiche Bewegungsablauf ein ausgeprägteres zeitliches Koordinationsvermögen.

 

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